9. BDL-Forum Digitalisierung
KI, Cyber-Security und Cloud Computing im Leasing-Sektor: Wie Leasing-Gesellschaften Künstliche Intelligenz produktiv einsetzen
Zwei Stunden dauerte ein Leasing-Antrag bei einer Leasing-Gesellschaft. Mit KI wurden es 30 Minuten. Die Software liest betriebswirtschaftliche Auswertungen und Jahresabschlüsse aus, prüft die Unterlagen und befüllt den Antrag vor. Solche Beispiele aus der Praxis prägten am 15. Oktober 2026 das 9. Forum Digitalisierung des BDL. Über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer verfolgten es im AXICA Kongress- & Tagungszentrum in Berlin und im Livestream.
Künstliche Intelligenz, Cyber-Security und Cloud Computing bestimmten das Programm des Forums. Die Leitfrage stellte BDL-Hauptgeschäftsführerin Dr. Claudia Conen gleich zur Eröffnung: KI und Digitalisierung in der Leasing-Wirtschaft, Pflicht oder Kür?
Die Leasing-Branche muss beides praktizieren: „Die Pflicht hat uns niemand erlassen. Die Kür wollen wir kreativ gestalten.“ Zur Pflicht zählen u.a. EU AI Act und DORA. Beide stellen hohe Anforderungen an die Leasing-Gesellschaften. Zwei Drittel der BDL-Mitglieder beschäftigen weniger als 50 Menschen. Für den Verband folgt daraus: Regulierung muss zur Größe der Unternehmen passen. Die Kür sind effizientere Prozesse und neue Geschäftsmodelle.
Starke IT, starke Teams
Was eine erfolgreiche Leasing-Gesellschaft braucht, brachte BDL-Vorstand Guido Feldhaus (SüdLeasing / MMV Leasing) in seiner Begrüßung auf eine kurze Formel: hervorragende IT und hervorragende Mitarbeiter. Governance versteht er als Anforderung des Geschäfts. Die Regulierung gibt davon nur einen Teil vor.
KI ist nutzbar und bringt bereits Nutzen. Die größere Herausforderung liege beim Kernsystem. Viele Häuser stecken mitten im Wechsel, und Aufschieben lässt sich dieser Schritt kaum. Offen sind zwei Fragen: Welche Systeme stehen zur Auswahl? Und lassen sich Altsysteme mit KI umprogrammieren?
Dazu kommt die übrige Agenda mit DORA, Cybersicherheit, Cloud-Angeboten und der Integration von KI, bei begrenzten Budgets und knappem Personal. Am Ende steht die Grundsatzfrage, ob sich alles gleichzeitig stemmen lässt, auch mit Blick auf die Kosten. Kleine und mittelständische Leasing-Gesellschaften trifft sie besonders hart.
Doppelrolle für Leasing-Gesellschaften bei der Transformation
Prof. Dr. Kristina Sinemus, hessische Ministerin für Digitalisierung und Innovation, ordnete das Thema in ihrer Keynote gesamtwirtschaftlich ein: „Künstliche Intelligenz ist für Unternehmen längst kein Zukunftsthema mehr, sondern ein entscheidender Faktor für Wettbewerbsfähigkeit und Innovation.“ Leasing-Unternehmen spielten bei dieser Transformation eine wichtige Doppelrolle, führte sie aus: „Sie können KI für ihre eigenen Geschäftsprozesse nutzen und zugleich die Investitionen finanzieren, mit denen andere Unternehmen ihre digitale Zukunft gestalten.“
Die BDL-Hauptgeschäftsführerin richtete an Ministerin Sinemus, die im Bundesrat dem Ausschuss für Digitales und Staatsmodernisierung angehört, einen Wunsch: die Register der Verwaltung zu vernetzen, damit ein eigenes Transparenzregister überflüssig wird. Seit 2021 melden viele kleine GmbHs ihre wirtschaftlich Berechtigten ein zweites Mal, obwohl die Gesellschafter längst im Handelsregister stehen, und die Leasing-Gesellschaft prüft die Daten nach dem Geldwäschegesetz ebenfalls doppelt.
Governance als Beschleuniger
Eine erfolgreiche KI-Strategie beginnt nicht mit der Technologie, sondern mit klaren Leitplanken. Darauf verwies Fabian Forthmann von msg for banking. „KI-Governance ist mitnichten ein lästiger Bremser. Ganz im Gegenteil: Die Leasing-Gesellschaften, die früh eine robuste Governance aufgesetzt haben, bringen ihre KI-Anwendungsfälle heute schneller in die Produktion als andere“, so Forthmann. Besonders große Potenziale sieht er für die Leasing-Wirtschaft in der Anbahnung, der Antragsbearbeitung, bei Dokumentenprozessen und im Wissensmanagement.
Zu diesem Rahmen führen zwei Wege. Erste Leasing-Gesellschaften setzen ihn von oben, bevor KI breit im Einsatz ist. Mittelgroße Häuser mit kurzen Entscheidungswegen gehen oft umgekehrt vor. Jeder Use Case liefert dort Erkenntnisse, aus denen Schritt für Schritt verbindliche Regeln entstehen.
Strategie vor Use-Case-Liste
„Nicht die längste Use-Case-Liste gewinnt, sondern das Unternehmen, das KI konsequent auf seine Strategie ausrichtet und dafür die richtigen Grundlagen schafft“, erklärten Hans-Peter Kuck und Simon Wilmerding von EUROGROUP CONSULTING. Am Beispiel von Kredit- und Leasing-Prozessen zeigten sie, wie KI Dokumente strukturiert, Informationslücken früh erkennt und Fachkräfte bei der Analyse unterstützt. Die Entscheidung trifft weiterhin der Mensch. Für einen dauerhaften Einsatz braucht es aus ihrer Sicht mehrere Faktoren im Zusammenspiel: eine klare Strategie, geeignete Prozesse, verlässliche Daten, eine leistungsfähige IT-Architektur, die Berücksichtigung regulatorischer Anforderungen, qualifizierte Mitarbeitende und eine wirksame Governance.
357 Ideen, acht Projekte
357 KI-Ideen gingen bei der CHG-MERIDIAN AG ein. Acht davon schaffen es in die priorisierte Umsetzung. Philipp Frey zeigte, wie das Unternehmen auswählt. Jeder Use Case erhält eine präzise Definition, die Fachbereiche testen mit. Am Ende zählen vier Kriterien: Zeitaufwand, Qualität, Nutzung und Kosten. Die Anwendungen reichen vom persönlichen Assistenten über die Analyse von Kundenportfolios, das Erkennen von Vertriebssignalen bis zur Prüfung von Verträgen nach DORA-Anforderungen sowie KI in der Security.
Die Governance läuft mit. CHG-MERIDIAN bündelt die Anforderungen aus EU AI Act, DSGVO, DORA und BaFin-Aufsicht in einem AI-Managementsystem, das sich an der Norm ISO/IEC 42001 orientiert. Rollen, Freigaben und menschliche Aufsicht sind darin verbindlich geregelt. Frey fasste den Grundsatz abschließend zusammen: „KI unterstützt unsere Arbeit. Die Verantwortung bleibt bei uns.“
DORA als Daueraufgabe
Verena Trömel von der Miller Leasing Miete GmbH sowie Caspar Gibb von der SüdLeasing GmbH berichteten aus der laufenden DORA-Umsetzung. Ihr Befund: DORA fordert das ganze Haus. Gefragt sind klare Verantwortlichkeiten, belastbare Prozesse und eine enge Zusammenarbeit über Abteilungsgrenzen hinweg. Am meisten Arbeit macht es, kritische oder wichtige Funktionen zu definieren, die Vertragserfordernisse umzusetzen und das Informationsregister zu pflegen.
Beim Register liegen die Angaben oft in verschiedenen Abteilungen. Je mehr IKT-Dienstleister eingebunden sind, desto schwerer lässt es sich ohne technische Unterstützung pflegen. Auch der Meldeprozess muss im Ernstfall funktionieren, selbst wenn IT oder Personal ausfallen. Dafür braucht es eindeutige Abgrenzungskriterien und klar geregelte Abläufe.
Der Rat aus der Praxis: kritische Funktionen vom Geschäftsprozess her denken und das IT-System einbeziehen. Mit einer einmaligen Dokumentation ist es nicht getan. DORA verlangt ein risikoorientiertes Vorgehen, das dauerhaft im Unternehmen funktioniert. Wer die Umsetzung konsequent angeht, stärkt auch die eigene Cyber-Resilienz.
Eigene Leasing-Systeme auch für kleinere Häuser
Sebastian Wittmann von PwC (Foto, links) und Dr. Eike Mönkemeier (Mitte) von der Senacor Technologies AG sprachen über die Systemauswahl in Zeiten von Resilienz, Cloud und KI.
Wittmann verwies auf die hohen fachlichen Anforderungen, die der deutsche Leasing-Markt an IT-Systeme stellt. KI und Cloud eröffneten hier neue Lösungswege. Mönkemeier sieht großes Potenzial im Agentic Software Development, also in der Softwareentwicklung mit KI-Agenten: „Das maßgeschneiderte Leasing-System ist jetzt auch für kleine Häuser erreichbar.“
Paneldiskussion: KI, Cyber-Security und Cloud Computing im Leasing-Sektor – Was bedeutet das für kleine und größere Leasing-Gesellschaften?
Die Paneldiskussion griff die Ausgangsfrage des Tages auf. Unter der Moderation von Guido Feldhaus diskutierten Frank Waggershauser (PwC), Dr. Christian Glaser (WOLFFKRAN FINANCE), Julian Staub (Lufthansa Industry Solutions) und Clemens Nawroth (zeb), ob kleine und große Leasing-Gesellschaften bei KI, Cyber-Security und Cloud vor denselben Herausforderungen stehen.
Den Stand der Umsetzung beschrieb Nawroth nüchtern: KI-Business-Cases, die tatsächlich implementiert sind, sehe man bislang selten. In Teilprozessen funktioniere KI aber bereits. Beispiele dafür brachten zeb und Lufthansa Industry Solutions mit, die Digitalisierungsprojekte für die Lufthansa Group und für andere Branchen umsetzt und eigene Produkte anbietet. KI strukturiert unstrukturierte Daten und unterstützt die Kundenansprache. Bei Lufthansa spricht ein KI-Agent parallel mit 50.000 Kunden. Im Einkauf holt ein Agent für Sicherheitshandschuhe drei Angebote ein und spart so Kosten.
Wo KI sinnvoll ist, hängt vom Geschäft ab. Wer einen teuren Kran finanziert, reagiert auf Kundenanfragen nach Glasers Worten nicht über KI. Einsatzfelder sieht er eher im Marketing. Auch Kunden wünschen sich zusätzliche KI-Funktionen nicht in jedem Fall. Ein Business Case sollte deshalb neben der Kosteneffizienz auch Agilität und Flexibilität berücksichtigen.
Was kleine Häuser tun können
Für kleine und mittlere Leasing-Gesellschaften empfahl Waggershauser, sich den Themen zu stellen und sie nicht wegzuschieben. Jedes Haus müsse klären, wo es Partner brauche, und dabei vorsichtig auswählen. Glaser sieht für kleinere Gesellschaften eine Chance, wenn sie ihre Mitarbeitenden mitnehmen. Er brachte jedoch auch eine neue Frage auf: Übernimmt die KI Aufgaben, die sonst ein Anfänger erledigt hat, fällt ein klassisches Gebiet für Einsteiger weg. Wie lernt der Nachwuchs dann?
Staub hob hervor, wie zugänglich KI geworden ist. Früher brauchte es dafür ein Studium, heute ist die Einstiegsschwelle niedrig. Unternehmen sollten ihren Mitarbeitenden Zeit geben, sich damit auseinanderzusetzen. Wer KI heute nicht ernst nehme, sei in einigen Jahren irrelevant.
Nawroth sieht für die Leasing-Branche eine große Chance. Sie führe Daten aus sehr unterschiedlichen Bereichen zusammen, vom Objekt über den Kunden bis zum Service. Damit sei sie bestens aufgestellt, um die Technik zu nutzen.
Die Eröffnungsfrage „Pflicht oder Kür" beantworteten die Fachvorträge, Diskussionen und Werkstattberichte des Forumstages: Wer die Pflicht früh und sauber aufsetzt, läuft die Kür schneller.











