4. Forum Nachhaltigkeit des BDL: ESG wird Kreditbedingung
Rund 70 Vertreterinnen und Vertreter der Leasing-Wirtschaft trafen sich am 17. Juni 2026 im AXICA am Brandenburger Tor in Berlin, um über ESG-Regulatorik, Portfoliosteuerung, die Datenlage und Kreislaufwirtschaft zu diskutieren. Durch die Veranstaltung führte Susanne Wegner, BDL.
Klimarisiken stehen in den Bilanzen
BDL-Hauptgeschäftsführerin Dr. Claudia Conen eröffnete das Forum mit einer Zahl: 145 Milliarden Euro Schäden sind durch Extremwetterereignisse in Deutschland zwischen 2020 und 2021 entstanden. Bis zur Mitte des Jahrhunderts könnten nach Expertenschätzungen die Kosten des Klimawandels auf 900 Milliarden Euro anwachsen. Diese Schäden treffen Portfolios direkt, durch unterbrochene Lieferketten, Produktionsausfälle und nicht bediente Kredite. Klimarisiken, so Conen, seien längst kein reines Umweltthema mehr, sondern stehen in den Bilanzen.
75 Prozent aller Unternehmenskredite im Euroraum hängen laut EZB von mindestens einer Ökosystemleistung ab, Wasserknappheit ist dabei das größte Einzelrisiko. ESG-Risikomanagement ist seit der 7. MaRisk-Novelle Pflicht und mit dem BRUBEG nun auch im Kreditwesengesetz verankert. Für Leasing-Gesellschaften bedeutet das, ESG-Risikopläne zu erstellen, das Portfolio am Pariser Abkommen auszurichten und auf neue Erwartungen der refinanzierenden Banken vorbereitet zu sein. Wer die ESG-Datenlage seiner Leasing-Objekte kennt und seine Kunden bei der CO₂-Reduktion begleitet, kann ein unverzichtbaren Partner des Mittelstandes werden. Anpassungsfähigkeit, so Conen, werde ein kreditrelevanter Faktor.
73 Prozent sehen Sustainable Finance als Geschäftschance
Alexander Wiedenbach, BDL-Vorstand und Geschäftsführer der JobRad Leasing GmbH, unterstrich in seiner Begrüßung, dass 73 Prozent der Institute mit Leasing-Aktivitäten Sustainable Finance als Geschäftschance bewerten. Im gesamten Finanzsektor sind es laut ESG-Daten-Monitor 2025 mit 60 Prozent deutlich weniger. Den Grund für diesen Optimismus sieht Wiedenbach in der Objektnähe: Leasing-Gesellschaften entscheiden mit, ob morgen ein Verbrenner oder ein Elektrofahrzeug im Fuhrpark steht, ob eine alte Maschine weiterläuft oder eine effizientere sie ersetzt. Wer diese Nähe zum Investitionsgut nutzt, steuert ESG-Risiken aktiv, statt sie nur zu dokumentieren.
Drückend bleibt die Datenlage. Datenverfügbarkeit ist laut ESG-Daten-Monitor 2025 die meistgenannte Einzelherausforderung der Branche.
Portfolios auf Temperaturkurs bringen
Hannah Helmke, Co-Gründerin von right. based on science GmbH, stellte das Steuerungstool X-Degree-Compatibility vor. Die Idee: Jede Finanzierungsentscheidung erhält einen Temperaturpfad zugewiesen. Das Ergebnis ist eine Kennzahl in Grad Celsius, die zeigt, wohin sich ein Portfolio entwickelt, wenn alle Marktteilnehmer ähnlich agieren.
Ein Diesel-Lkw kann danach Teil eines durchdachten Elektrifizierungspfads sein oder Ausdruck eines unveränderten Geschäftsmodells. Der Unterschied liegt im Kontext, nicht im Objekt.
Kreislaufwirtschaft
Luisa Schulze von SOLAR MATERIALS GmbH berichtete über den Recyclingmarkt und -prozess für Solarmodule. Das von ihr mitgegründete Unternehmen betreibt seit 2025 eine vollautomatisierte Anlage zur Rückgewinnung von Glas, Aluminium, Silizium und Silber. Werden diese Rohstoffe erneut in den Produktionsprozess eingebracht, werden zugleich 80 Prozent der Energie und Treibhausgasemissionen eingespart. Nicht weniger interessant ist der Second-Life-Ansatz für Solarmodule. Durch eine sachgerechte Prüfung der Funktionsfähigkeit und Werthaltigkeit der Module können diese wiederverwendet werden, was nicht nur finanzielle Vorteil bringt, sondern auch einen deutlichen Beitrag zum Klima- und Umweltschutz leistet.Rücknahme, Wiedereinsatz und Verwertung können dann Teil eines ganzheitlichen Leasing-Geschäftsmodells werden.
Refinanzierer fragen nach ESG-Daten
Ines Virgil vom Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken sowie Dr. Johannes Voit vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband (a.D.) erwarten, dass Refinanzierungspartner künftig ESG-Daten einfordern werden, ungefähr im Umfang des VSME-Standards. Für kleinere Gesellschaften gibt es Erleichterungen. Das Thema sei handhabbar, so beide Gesprächspartner, müsse aber systematisch angegangen werden.
Bundesbank: ESG-Risikoplan wird Pflicht
Dr. Thomas Dietz von der Deutschen Bundesbank erläuterte, was BRUBEG und 9. MaRisk-Novelle für Leasing-Gesellschaften konkret bedeuten. Institute müssen künftig einen eigenständigen ESG-Risikoplan erstellen, mit quantifizierbaren Zielen und einem Zeithorizont von mindestens zehn Jahren. ESG-Risiken fließen außerdem in Stresstests, Gesamtzieldokumentation und Risikostrategie ein. Kleinere Institute dürfen einen vereinfachten Plan erstellen und sich zunächst auf Klimarisiken beschränken. Ausdrücklich betonte Dietz, dass die BaFin pauschale ESG-Datenabfragen von kleinen und mittelgroßen Kunden nicht erwartet.
Biodiversität, Produktpass, Emmissionsprofile
Zwei Break-out-Sessions mit jeweils drei Workshops vertieften die Themen des Forums.
In der ersten Session führte Elena Gilles von PwC aus, wie Biodiversitätsrisiken in der Portfolioanalyse sichtbar gemacht werden können. Ökosysteme liefern Leistungen, von denen Unternehmen direkt abhängen: sauberes Wasser, fruchtbare Böden, stabile Klimabedingungen. Ihr Verlust schlägt auf die Wirtschaftsleistung durch. Für Leasing-Gesellschaften, die den Mittelstand bei der Transformation finanzieren, ergeben sich Chancen. Wer Abhängigkeiten von Biodiversität im Portfolio kennt und reduziert, positioniert sich als verlässlicher Partner.
Dr. Sophie Luise Bings von Deloitte erläuterte Rechte und Pflichten aus dem Digitalen Produktpass und dem Batteriepass, zwei Instrumente, die strukturierte Produktinformationen über den gesamten Lebenszyklus bereitstellen.
Anne Schoenauer, Co-Gründerin der Tilt SMEs GmbH, zeigte, wie KMU auf Basis von drei Angaben, Umsatz, Produkt und Unternehmenssitz, vollautomatisiert Emissionsprofile und Transitionsrisiken berechnen lassen können.
ESRS-Vollanwendung, KI-basierte Datengewinnung, DNK-Plattform
Die zweite Break-out-Runde konzentrierte sich auf Berichterstattung und Datengewinnung. Felicitas Heger von der grenke AG und Elena Gilles von PwC berichteten aus der Praxis der ESRS-Vollanwendung. Wie werden Schätzverfahren korrekt durchgeführt und dokumentiert, damit sie einer Wirtschaftsprüfung standhalten? ESRS, die European Sustainability Reporting Standards, sind die verbindlichen EU-Berichtsstandards für Nachhaltigkeitsberichte.
Chris Domagala von der LECTURA GmbH zeigte, wie KI-basierte Ansätze ESG-Daten direkt auf Leasing-Objektebene liefern können, von der Ermittlung der Treibhausgasemissionen über die Weiterverarbeitung bis zum auditierbaren Report.
Isabelle Krahe vom Deutschen Nachhaltigkeitskodex stellte die kostenlose DNK-Plattform vor, über die KMU Nachhaltigkeitsberichte digital erstellen können.














